Beim Fachtag „Brücken bauen: Übergänge gemeinsam gestalten“ am 28. Januar 2026 in der Rhein-Mosel-Halle (Koblenz) standen die Schnittstellen zwischen Maßregelvollzug und Gemeindepsychiatrie im Mittelpunkt. Ziel war es, tragfähige Übergänge für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen zu entwickeln und die Zusammenarbeit beider Versorgungsbereiche zu stärken.
Rahmen: Organisiert wurde die Veranstaltung von der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Rheinland-Pfalz e.V. in Kooperation mit dem Ministerium für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung Rheinland-Pfalz sowie dem Ministerium für Wissenschaft und Gesundheit Rheinland-Pfalz. Fachvorträge, Praxisimpulse und Austauschformate brachten Perspektiven aus Maßregelvollzug, Eingliederungshilfe und Gemeindepsychiatrie zusammen.
Zentrale Inhalte und Impulse
- Den Eröffnungsvortrag „Über sieben Brücken… – Vom Maßregelvollzug in die Eingliederungshilfe“ hielt Prof. Dr. Dr. Matthias C. Schmidt, Chefarzt und Unterbringungsleitung der Psychomedizinischen Abteilung der Klinik Nette-Gut für Forensische Psychiatrie. Aus seiner klinischen und forensisch-psychiatrischen Expertise heraus ordnete er die zentralen Schritte auf dem Weg von der stationären Behandlung hin zu tragfähigen Anschlusslösungen in der Gemeinde ein – insbesondere die Bedeutung von Stabilisierung, abgestuften Erprobungsphasen („Beurlaubung“) und verlässlichen Kooperationsstrukturen, damit Übergänge gelingen und Rückfälle vermieden werden können.
- Sicht der Eingliederungshilfe: Dr. Dorothea Gaudernack skizzierte, dass Entlassungen zunehmend erschwert werden – u. a. durch fehlende Anschlussangebote, Fachkräftemangel und Stigmatisierung. Deutlich wurde das Spannungsfeld zwischen selbstbestimmter Teilhabe (SGB IX) und Anforderungen der Legalprognose. Als Handlungsansätze wurden u. a. verbindliche regionale Kooperation, personenzentrierte Lösungen, Wohnraumsicherung und die Etablierung gemeindepsychiatrischer Verbünde (GPV) benannt.
- Best Practice „HalfWayHouse“ (Südpfalz): Das HalfWayHouse wurde als kooperatives Übergangssetting zwischen Eingliederungshilfe und Maßregelvollzug vorgestellt (Aufenthalt bis zu zwei Jahre). Die Begleitung erfolgt in einem Phasenmodell (Empfang – Stabilisierung – Ablösung) und kombiniert alltagspraktische Unterstützung, Teilhabeplanung, Krisenprävention sowie Genesungsbegleitung (Peer Support).
- GPV und Maßregelvollzug – Beispiel Viersen: Gemeindepsychiatrische Verbünde wurden als verbindliche regionale Netzwerke beschrieben, die Kontinuität, Koordination und Versorgungsverantwortung im Sozialraum stärken. Am Beispiel des Gemeindepsychiatrischer Verbund Kreis Viersen wurde gezeigt, wie Kooperation über Vereinbarungen, regelmäßige Sitzungen und Arbeitsgruppen (z. B. Krisendienst, Vermeidung von Zwang und Gewalt) systematisch gestaltet werden kann – inklusive standardisierter Überleitungs- und Krisenpläne zwischen Klinik und Nachsorge.
- Best Practice „Bremer Modell“: Friedrich Ganten stellte forensische Wohngruppen der Bremer Werkgemeinschaft vor: wohnortnahe Settings mit beziehungsorientiertem Ansatz, klaren Regeln und einem hohen Anteil an Vertrauen („90 % Vertrauen – 10 % Kontrolle“). Privatsphäre, Nachbarschaftseinbindung, Tagesstruktur und abgestimmtes Vorgehen bei Regelverstößen wurden als zentrale Elemente für Stabilität und Teilhabe herausgestellt.
Übergreifende Erkenntnisse
Übergänge gelingen besonders dann, wenn Klinik, Eingliederungshilfe und weitere Beteiligte frühzeitig verbindlich zusammenarbeiten, Kommunikation gesichert ist und Krisenpläne gemeinsam getragen werden. Regionale Netzwerke wie GPV können Verantwortung bündeln, passgenaue Vermittlung erleichtern und Krisenhandlungsfähigkeit verbessern. Gleichzeitig wurde deutlich: Wohnraum und finanzierbare zusätzliche Unterstützungsbausteine sind entscheidend, damit Entlassungen nicht an fehlenden Settings scheitern.
Stand: Februar 2026